Zusammenfassung

Darum geht es in dem Roman Schneeriese (Inhaltsangabe)

Der Roman Schneeriese ist ein Roman über die oft schmerzliche Entwicklung eines Jugendlichen, der nicht der Norm entspricht und sich in seinem Körper nicht zu Hause fühlt. Während er heranwächst und immer riesiger wird, vereist er zunehmend innerlich, denn Einsamkeit und Liebenskummer machen ihm zu schaffen. Dennoch hat er keine Strategie gegen die negativen Gefühle, die ihn übermannen. Die innere Gefühlswelt und die Nöte der Protagonisten Adrian und Stella werden einfühlsam und sprachgewaltig von der Autorin beschrieben. Mit einem großen Herzen und viel Lebenserfahrung werden die beiden begleitet von der liebenswert-schrulligen Großmutter von Stella „Misses Elderly“, die sich einfühlsam um die Kinder kümmert.

Der einfühlsam geschriebene Jugendroman verbindet die Themen:

  • Erwachsenwerden und sich plötzlich Fremdfühlen im eigenen Körper
  • Heimatlos sein in der Fremde durch eine Flucht
  • Eine unerfüllte erste Liebe

Was passiert mit einem Jungen, der einfach nicht aufhört zu wachsen und der sich, trotz der stetig weiter steigenden Körpergröße, innerlich immer kleiner fühlt durch die Begleiterscheinungen des Erwachsenwerdens? Wie reagiert er darauf, wenn er, der Schüchterne, plötzlich mitansehen muss, dass sich seine erste Liebe in einen normalwüchsigen „Schnösel“ in der Gestalt eines neu zugezogenen Flüchtlingsjungen verliebt? Und kann er seiner Freundin dennoch helfen, das Geheimnis um das gruselige Nachbarhaus zu lüften, in das die neu eingezogene Familie nach Stellas Ansicht, eine Leiche transportierte? Um diese Themen dreht sich der zweite Jungendroman der Autorin Susan Kreller, der 2015 im Carlsen Verlag erschien und den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Eingepackt ist die einfühlsam geschriebene Geschichte über die Nöte des Heranwachsens in die spannende Gruselgeschichte rund um das schaurige „Dreitotenhaus“.

Inhaltsbeschreibung des Romans

Adrian ist ein ganz normaler vierzehnjähriger Junge, der anscheinend nur nicht aufhören kann zu wachsen. Er ist schon 1,94 Meter groß und seine langjährige Freundin Stella Maraun aus der Nachbarschaft, die genauso alt ist wie er, nennt ihn, um das stetige Wachsen für ihn normaler erscheinen zu lassen, einfach „Einsneunzig“. Was an sich kein Problem wäre, wenn Adrian sich nicht in Stella verliebt hätte. Sein scheinbar nicht stoppendes Wachstum macht ihn schüchtern, verstockt, einsam und wütend, dennoch will er sich der Hormonbehandlung zum Stoppen des Wachstums, was seine Mutter unbedingt möchte, nicht unterziehen. Es ist genau dieses äußere Wachstum, was ihn innerlich immer kleiner werden lässt. Adrians Mutter ist selber sehr groß und weiß, wie sich das als Jugendlicher anfühlt, daher möchte sie ihn vor den schmerzhaften Attacken seiner Gleichaltrigen schützen. Doch Adrian beschließt einfach, sich der Thematik typisch jugendlich zu stellen: Mit Trotz, Wut und indem er den Kopf in den Sand steckt, hoffend, dass das Wachstum von alleine einfach aufhört.

Die beiden Kinder haben eine ganz normale Kindheit mit Kakao und Märchen, die auf der Hollywoodschaukel von der Großmutter von Stella vorgelesen werden. Sie halten zusammen und gehen durch dick und dünn bis sich Adrian in Stella verliebt und ihr dies nicht sagen kann, weil er sich wegen seiner Größe gehemmt fühlt. Er versucht daher, ihr so viel wie möglich durch seine Taten zu zeigen, wie viel sie ihm bedeutet. Eines Nachts zieht eine neue Familie in das unheimliche Haus in der Nachbarschaft, welches das „Dreitotenhaus“ genannt wird. Stella, die Zeugin des Einzugs war, ist überzeugt, dass die fremde Familie eine Leiche in das Haus transportiert und sie ruft Adrian, damit sie beide zusammen der Sache auf den Grund gehen können.

Als die beiden an der Tür klingeln, öffnet ein hübscher und normalwüchsiger Junge, Dato, der Sohn der georgischen Flüchtlingsfamilie. Adrian wird unfreiwillig Zeuge davon, wie Stella sich in „den Neuen“ verliebt. Im Verlauf der Geschichte werden Adrians Gefühle immer hasserfüllter, dunkler und negativer, denn der Liebeskummer hat ihn fest im Griff. Wie gelingt es Adrian, die Freundschaft zu Stella, die ihm alles bedeutet, zu erhalten? Wie kann er mit seinem Liebeskummer umgehen und seine Eifersucht überwinden? Und wie kann er sich endlich wieder in seinem Körper wohlfühlen?

Es ist ausgerechnet Stella gewesen, die Adrian immer geholfen hatte, sich von seinem unaufhörbaren Wachstum nicht unterkriegen zu lassen. Der Spitzname „Einsneunzig“, den sie ihm gab, sollte ihn dadurch schützen, dass er alltäglich wirkt und nicht nur als hämischer Spitzname, den ihm die Kinder in der Schule gaben. Ihre Idee war es, wenn ihn einfach alle so nennen, dann verliert der Name den Schrecken für ihn. Und da es Stella war, die ihm auf diese Weise half, mit seiner riesenhaften Größe umzugehen, mag er auch nicht auf seine Mutter hören, die ihm medizinisch behandeln lassen will, damit er nicht weiterwächst. Und nun verliebt sich seine Stella ausgerechnet in einen dahergezogenen Flüchtling aus Georgien!

Einfühlsam beschreibt die Autorin die inneren Kämpfe von Adrian, die Wut, die Hoffnungslosigkeit und den schier unendlichen Liebeskummer. Erwachsenwerden ist nichts für Feiglinge möchte man sagen, wenn man den Roman liest. Der eigene Körper verändert sich und macht was er will. Die Seele hat noch keine erwachsenen Strategien entwickelt und so wird der Heranwachsende oft unberechenbar. „Er ist halt in der Pubertät“ sagen die Erwachsenen immer dann, wenn sie mit dem Verhalten eines Jugendlichen nicht mehr zurechtkommen.

Adrian fühlt sich von der Welt unverstanden und das lässt ihn innerlich vereisen und kleinwerden, ihn den Riesen. Adrian muss sich seinem ersten Trennungsschmerz stellen, weil Stella nicht ewig bei ihm bleiben wird, so wie er das kindlich-naiv für selbstverständlich gehalten hatte. Beide Kinder wachsen auseinander und das sorgt für große Schmerzen. Bei beiden.

Die Sprache des Romans

Susan Kreller packt ihren Roman in eine märchenhafte Sprache. Die Thematik ist sehr aktuell und real: Pubertät, Konflikte, Flüchtlinge, das alles ist hochaktuell. Dennoch bettet die Autorin ihre Geschichte in eine symbolische Sprache, reich an Metaphern und ganz eigenen, poetischen Wortschöpfungen. Im Hintergrund lässt Susan Kreller das berühmte Märchen von Hans Christian Andersen „Die Eiskönigin“ zu Wort kommen, das den beiden Kindern von der Großmutter Misses Elderly vorgelesen wurde. Wie im Märchen, verursacht durch die böse Eiskönigin, vereist der Junge auch in der Geschichte im Herzen auch in der Realität und es liegt an dem Mädchen, den Freund aus Kindertagen zu retten.

Als Adrian fühlt, dass Stella sich Dato zuwendet, wendet er sich fast völlig von ihr ab, was diese auch leiden lässt. Er gerät in seine erste große Lebenskrise und verliert in einer Winternacht fast sein Leben. Susan Kreller beschreibt a,uf ihre ganz eigene Art, wortgewaltig und sehr einfühlsam die zunehmende Not von Adrian. Seine Körpergröße, die er gerade durch Stellas Freundschaft früher gut akzeptieren konnte, wird nun zu einem sicht- und fühlbaren Makel. Adrian glaubt, dass es diese Größe ist, die Stella in die Arme des anderen Jungen, der normal groß ist, treibt. Die fast tödliche Situation, in die Adrian dann später hineinkommt, ist die leicht nachvollziehbare Konsequenz aus seiner tiefgreifenden inneren Krise. Aber wie so oft, ist genau diese Krise der Wendepunkt für ihn und setzt es eine Veränderung ein. Adrian gelingt es, langsam wieder in seinem Leben anzukommen mit der Hilfe seiner Familie und der liebenswürdigen Misses Elderly.

Susan Kreller lässt das Buch am Ende das Geheimnis des Dreitotenhauses lüften. Das ist eine unerwartete, aber sehr spannende Wende, die fast überraschend wirkt, nachdem der Lebenskrise von Adrian ein so großer Platz eingeräumt wurde. Es ist ausgerechnet Adrian, der durch Zufall das ganz unerwartete Geheimnis der georgischen Familie entdeckt. Mit dieser Lösung schliessen sich die beiden Erzählstränge: Die Krise von Adrian und das Geheimnis um das Dreitotenhaus und Adrian kann heilen.

Den Fokus der Erzählung legt die Autorin auf die innere Entwicklung der Romanfiguren Adrian und Stella, denn beiden wird immer wieder tief in die Seele geschaut. Dabei schafft sie es, nicht kitschig zu schreiben, sondern ein dichtes Bild von den inneren Kämpfen von Heranwachsenden zu zeigen. Susan Kreller schöpft dabei neue Worte, die aber selbsterklärend sind und daher sehr stimmig wirken. So wird Stellas Sprache als „staubfeines Lispeln“ bezeichnet oder eine besonders dunkle Stimmung als „mitternachtsschwarz“.

Fast ganz nebenbei gelingt es Susan Kreller in dem Roman auch ein äußerst brisantes und aktuelles Thema in Deutschland zu beschreiben: das Leben, die Ängste und die Nöte von Menschen, die durch eine Flucht nach Deutschland gekommen sind und die hier versuchen Fuß zu fassen. Damit wird der vielschichtige Roman auch politisch aktuell und bildet ein Stück deutscher Realität ab.

Fazit

Der Jugendroman „Schneeriese“ von Susan Kreller bedient gleich mehrere Themen und ist durch seine Sprachgewalt ein Lesevergnügen für jung und alt. Einfühlsam beschreibt die Autorin die Nöte eines Jugendlichen, der seinen ersten Liebeskummer erlebt und sich in seinem Körper nicht mehr gut fühlt. Es ist ein Roman über die Schwierigkeit Verantwortung zu übernehmen und über den oft schwierigen Übergang zwischen sorgloser Kindheit, die zuweilen märchenhaft anmutet, in ein Leben voller Verantwortung und Selbstbehauptung als Erwachsener. Susan Kreller hat sich sehr intensiv in die Psyche ihres Protagonisten, des zunehmend innerlich kälter werdenden Adrian hineinversetzt und sie schildert seine inneren Kämpfe wortgewaltig. Die Einbettung der Geschichte in eine gruselige Atmosphäre macht den Roman auch für Jugendliche sehr spannend und gut lesbar. „Schneeriese“ ist eine sehr gelungene und zu Recht mit dem Jugendpreis für Literatur ausgezeichnete Erzählung von der Liebe, vom Anders-Sein und von dem Übergang in einen neuen Lebensabschnitt.